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Samon Kawamura TR4NSLATION (Nesola)
"Kunst, die sich von der Realität abhebt, gefällt mir nicht", sagt Samon Kawamura. "Wenn ich Musik mache, versuche ich vor allem, ehrlich zu sein. Ich kann gar nicht anders." Authentisch und organisch, konzentriert und entspannt präsentiert der 33-jährige sich und seine instrumentalen Atmosphären jetzt auf dem Debütalbum "Translation". Vom Jazz inspiriert, im Hip Hop erlebt, dabei mit dem Gespür des instinktiven Komponisten und intuitiven Geschichtenerzählers, schafft der in Tokio aufgewachsene und in Berlin lebende Produzent und Turntablist zweiundzwanzig Mal die Quadratur des Kreises: "Translation" hat Ecken und Kanten, kommt ohne Message aus und ist dennoch viel sagend; die Musik wirkt dezent aber eindringlich, fassbar und tiefgründig und schlägt in kurzen, prägnanten Episoden spannende Haken und Bögen von Pete Rock bis Pharoah Sanders, von Madlib zu Marvin Gaye oder Moondog, von J Dilla bis Debussy. Was Samon Kawamura bislang eher im Hintergrund und für so unterschiedliche Künstler wie marsmobil, Till Brönner, Lychee Lassi, Uri Caine, Joy Denalane, Max Herre oder Nylon gemacht hat, trägt jetzt sehr eigene, persönliche Früchte. "Wenn man blind meine Musik hören würde, steht sie für sich", sagt Samon Kawamura, mit seiner bescheidenen, ruhigen Art. "Es ist auf jeden Fall etwas, das man ernst nehmen kann – meine erste Visitenkarte."
Samon Kawamura kommt 1973 in Heilbronn zur Welt. Sein Vater, ein japanischer Grafiker und Designer, der u.a. das Logo der "bebe"-Creme entwarf, hatte seine deutsche Mutter, eine Goldschmiedin, auf Island kennen gelernt. Als Samon ein Jahr alt ist, zieht die Familie nach Tokio. Als dreisprachig aufwachsender "Hafu", also "Halber", erfährt er an der deutschen Schule in Omori und mit seinen Freunden von der nahe gelegenen amerikanischen Schule eine perfekte Mischung aus japanischer, amerikanischer und deutscher Lebensart. Der Black Music-Fan tobt sich schon mit elf am Schlagzeug aus und spielt mit Schülerbands Brothers Johnson oder Earth, Wind & Fire nach, bis er sich wenige Jahre später mit Sound und Seele auf die DJ-Kultur einlässt. "Musik war für mich auch ein Ausdruck, eine Art Protest gegen meine Mitschüler", erinnert er sich. "Das waren oft Botschaftskinder, die große Autos hatten und übers Wochenende auf die Fiji-Inseln geflogen sind. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich mit Musik genau dasselbe oder sogar noch besseres erfahren kann." Angestachelt von den DMC-Championships und beeinflusst von Hip Hop-Ikonen wie Public Enemy, A Tribe Called Quest, Gangstarr oder De La Soul, immer mit einem offenen Ohr für Prince, Michael Jackson und sogar Madonna ("In Japan hat man Musik damals einfach nicht so eng kategorisiert."), deejayt Samon auf Schulfesten und Kellerparties. Mit 21, den ersten eigenen Release für eine Club-Compilation bei Victor BMG Japan in der Tasche, kauft er sich einen Sampler und zieht nach Deutschland –offiziell um Japanologie zu studieren, eigentlich aber, um Beats für die hiesige Szene zu produzieren. Schon 1995 engagiert ihn die Band "be" als DJ. "Das war meine Lehrzeit", meint Samon, der fast fünf Jahre lang mit "be" über Festivals von "Rock am Ring" bis zu Opening Gigs für "Jazzmatazz" tourte, quer durch Europa. 2000 begann er mit dem Jazztrompeter Till Brönner an Beats und Tracks für dessen Album "Blue Eyed Soul" zu arbeiten. Schon ein Jahr nach dem internationalen Erfolg dieses hauptsächlich instrumentalen NuSoul/Jazzalbums, mit Auftritten von Japan bis zu Jazzfestivals in ganz Europa, wird Samon festes Mitglied der Band "marsmobil" um Roberto Di Gioia. Auch das zweite Album der Band, das Ende letzten Jahres von Peter Kruder und Christian Pommer für Compost produziert wurde, trägt Samons subtil samplende Handschrift. Mit ein wenig Hilfe von seinem Freund und multiinstrumentalen Bandkollegen Roberto Di Gioia, hat Samon Kawamura jetzt "Translation" produziert, immerhin für Nesola, das Label von Joy Denalane (für deren letztes Album Samon einen Remix anfertigte) und Max Herre (dessen nächstes Album er momentan produziert).
"Es wurde einfach Zeit, meine Sachen zu veröffentlichen", konstatiert Samon Kawamura. "Ich habe drei Jahre lang im Studio daran gearbeitet. Anfangs wollte ich hauptsächlich Interludes machen, kurze Episoden, wie sie etwa Pete Rock an seine Stücke hängt. Sehr atmosphärisch, dicht und vielschichtig, hauptsächlich instrumental, aber immer wieder auch mit Sprach- und Vocalelementen." Seine Musik entsteht, ganz klassisch, am Klavier. "Ich drücke eine paar Akkorde, nur eine kurze Abfolge", erklärt Samon. "Dazu höre ich eigentlich immer schon einen Beat. Sobald der steht, schicke ich den Track meistens noch an Roberto, der schon innerhalb einer Stunde seine Fender Rhodes- oder Bassspuren dazu an mich zurückschickt. Dann gehe ich noch mal mit meinen Samples drüber." Die goldene Regel: Alles muss in einem Take passieren, live zum Track, natürlich nicht quantisiert und so analog, wie es im digitalen Zeitalter eben geht. So sind über die Jahre etwa 180 Stücke entstanden, aus denen Samon jetzt, für sein Debütalbum, die besten zweiundzwanzig in einen faszinierenden Fluss gebracht hat. "Translation" übersetzt dabei deutlich und indirekt Gefühle und Gedanken in Musik. Was man aus diesen abgehangenen und spannungsgeladenen 62 Minuten macht, welche Filme man sich dazu denkt, ist jedem Hörer selbst überlassen. "If we listen to the beat, the wheels start turning in our heads" wie es eine Stimme aus dem Off in "Destination Blue" formuliert. Natürlich funktionieren die einzelnen Tracks auch für sich, von den elegant abgehackten Chören im "Intro" über die dreckigen Beats von "Unu" oder die jazzig-sphärische Hommage an Pharoah Sanders und Lonnie Liston Smith in "Astral" bis zum Kopfnicker "Timeless Space" (gesungen von Samon) oder die Slapbass- und Querflöten-Sinnlichkeit von "How Long?". "Ich stehe nicht so auf Überlängen", meint Samon, dessen längster Track es auf 4:44 bringt. "Sicher gibt es Musik, die acht Minuten braucht. Aber eigentlich finde ich es besser, wenn man es auch in zwei Minuten sagen kann. Es ist wie bei einem Konzert: Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist." Dass dadurch manche Stimmungen noch schöner wirken, sich überhaupt erst entfalten können, weil sie eben nicht ausgereizt werden, ist nur eine der vielen Qualitäten von Samon Kawamuras "Translation". Im Detail und im großen Ganzen wirkt diese Musik, so eindeutig gut wie individuell interpretierbar. Atmosphärisch eben, wie es einem "Nicht-Sprachmenschen" wie Samon Kawamura passt. "Ich mochte das schon als Jugendlicher: Nachts durch die Stadt fahren, egal ob in der U-Bahn oder im Auto, die ganzen Lichter sehen und die verschiedenen Menschen, die Reflektionen im Rückspiegel, die Stadt um mich herum zu spüren. Das hat für mich immer etwas von einem Film", erklärt er. "Ich bin durch und durch Stadtmensch. Und genau das wollte ich einfach immer mit meiner Musik festhalten. Eigentlich wollte ich nur einen Soundtrack zu meinen Stadterlebnissen machen." "Translation" ist dieser bewegte und bewegende Instrumental Hip Hop-Soundtrack – erdig, ehrlich, endlich.
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